

Ein Theater für die Insel
Manchmal weiß man erst, dass etwas fehlte, wenn es endlich da ist. Seit 2024 befindet sich in der Scheune eines alten Kapitänshauses in Süderende ein Hoftheater, das Föhrer und Besucher begeistert und zusammenbringt.
Mitten in Süderende haben Nicolas Dabelstein und Anna Mariani zusammen mit ihren Söhnen ein neues Zuhause gefunden. Der alte Kapitänshof aus dem Jahr 1869 gehörte zuvor Dabelsteins Vater, der das historische, denkmalgeschützte Gebäude von den letzten Erben des Kapitäns Ernst Johann Ketels kaufte. 2024 hob sich zum ersten Mal der Vorhang im Stalltrakt des alten Hofes und die Theatermacher starteten mit einem Projekt, das sich schnell zu etwas entwickelte, was auf der Insel Föhr noch fehlte.
Es sollte ein Theater mit richtigem Ensemble entstehen, das mit dem Ort verwurzelt ist, an dem es sich befindet. Das Paar setzte sich mit der Insel und ihrer Geschichte auseinander, denn wer auf Westerlandföhr ein Theater betreiben möchte, muss sich zwangsläufig mit der friesischen Sprache und der Kultur der Insel vertraut machen: angefangen bei den Walfängern und der Seefahrt bis in die heutige Zeit. Ihr Schatz sind unendlich viele Biografien und Geschichten. „Der Reichtum für ein Theater ist immer die kulturelle Basis, und die ist hier sehr reichhaltig“, so Dabelstein.
Mariani und Dabelstein legen im Erwachsenentheater den Schwerpunkt auf originäre Stoffe von Föhr und aus der Region. Diese sind teilweise selbst geschrieben, werden als Textcollage präsentiert oder stammen von Föhrer Autoren wie im Fall von Ellin A. Nickelsen mit ihrer Novelle „Jonk Bradlep“. Für die Kinder greifen sie auch gern auf Weltliteratur mit maritimem Bezug zurück. Gespielt wird auf Deutsch, aber auch auf Fering, dem Föhrer Friesisch.
Mittlerweile hat sich der Erfolg des Duos herumgesprochen, denn aus ganz Schleswig-Holstein und Hamburg reisen Besucher zu den Vorstellungen auf die Insel. Mit diesem schnellen Triumph hatten die ausgebildete Schauspielerin und der Regisseur sowie Autor selbst nicht gerechnet. Das Konzept spricht Einheimische und Gäste gleichermaßen an, denn sie alle verbindet das Interesse an Föhr. „Das Theater ist ein Ort, an dem die unterschiedlichen Gruppen zusammengeführt werden. Das fördert das Verständnis und die Toleranz füreinander“, sagt Nicolas Dabelstein.
Ihr Schauspielensemble setzt sich aus Berufsschauspielern, wie zum Beispiel Thomas Lackner, und Volksschauspielern von der Insel zusammen. Föhr ist kein unbespielter Ort, denn in vielen Dörfern und in Wyk gab es immer mal wieder Laienspielgruppen. So wurden Anna Mariani und Nicolas Dabelstein schnell fündig. „Aber letzten Endes ist es die Mischung“, sagen beide, denn die Föhrer Schauspieler können sich viel von den Profis abschauen. „Nur durch Spielen kann man ein gutes Niveau erreichen. Laienspieler sind oft mehr mit dem Herzen dabei, während es bei Profis eher schon ein Beruf ist“, ergänzt Anna Mariani.
In den letzten Jahren hat sich jedoch auch gezeigt, dass auf Föhr durchaus Theatertalente zu finden sind, die eine feine Intuition und ein gutes Gespür für Timing haben. Beispiele hierfür sind Göntje Christiansen und Jann Riewerts, die bereits in vielen Produktionen mitgewirkt haben.
Neben den Schauspielern ist aber natürlich die Location das, was das Hoftheater in Süderende ausmacht. Die alte Scheune wird zu einem intimen Kammerspielort mit eigener Geschichte. Ihre besondere Aura ist sofort spürbar. Normale Bühnenbilder funktionieren in dem kleinen Raum nicht, weshalb das Theaterpaar zu individuellen und einfachen Lösungen greift. „Der Zuschauer ist mittendrin im Geschehen und kann die Schweißperlen auf Annas Stirn zählen“, veranschaulicht Nicolas Dabelstein mit einem Lächeln sein Projekt. Das kleine Theater bietet 65 Plätze, die sich auf zwei Ebenen verteilen.
Natürlich werden auch mal unbequeme Themen behandelt wie zum Beispiel der Investorenboom der vergangenen Jahre in dem Stück „My Feer Lady“. „Theater muss auch immer dorthin gehen, wo es wehtut, und unbequeme Wahrheiten benennen. Das tun wir, ohne jemanden zu verdammen, mithilfe von Satire, Humor und Leichtigkeit“, sagt Dabelstein.
Es soll ein Theater für die Menschen auf der Insel sein, ihre Geschichte und Geschichten thematisieren und ihre Sprache bekannter machen – und genau das gelingt ihnen unglaublich gut. Applaus!


