
Zwischen Ebbe und Flut
Am Ende der Mittelstraße in Wyk befindet sich ein Brunnen, der das Prinzip der Gezeiten verdeutlicht und optisch begeistert.
Am kleinen Gezeitenbrunnen direkt an der Mittelbrücke herrscht buntes Treiben. Das Werk des Steinmetzes Markus Thiessen erfreut seit fast 20 Jahren Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Es hat sich längst zu einem beliebten Treffpunkt entwickelt. Erst bei genauerem Hinsehen offenbart sich jedoch die detailverliebte Gestaltung des Brunnens.
In Stein gearbeitete Silhouetten der Inseln Föhr und Amrum sowie der Halligen Langeneß und Oland sind in eine stilisierte Wattlandschaft aus Prielen und Sandbänken eingebettet. Im Zehn-Minuten-Takt steigt und fällt das Wasser und ahmt so die Gezeiten der Nordsee nach. Es kann durch zwei Wasserspeier abfließen, die die Sagengestalt Ekke Nekkepenn und seine Frau Rahn darstellen.
Thiessen kam die Idee zu diesem besonderen Brunnen während einer Wattwanderung: Das Phänomen von Ebbe und Flut sollte in Brunnenform erlebbar gemacht werden. Im Rahmen seiner Gestalterprüfung in Freiburg entwickelte er das Konzept, das er einige Jahre später auf Föhr umsetzen konnte. Eine zusätzliche Inspiration fand Thiessen in einem mittelalterlichen Kloster in Straßburg, wo er eine ähnliche Technik entdeckte.
Eine der größten Herausforderungen bestand darin, das Wassersystem so zu konzipieren, dass mehr Wasser einfließt, als gleichzeitig ablaufen kann, und der Brunnen dennoch regelmäßig trockenfällt, um die Bewegung aufrechtzuerhalten. Auch im trockenen Zustand bleibt der Brunnen durch die ausgearbeiteten Wattflächen ein Hingucker.
Der Gezeitenbrunnen ist Treffpunkt und Klassenzimmer zugleich. Kinder erfahren beim Hüpfen von Insel zu Insel spielerisch mehr über die besondere Lage Föhrs im Schutz von Sylt, Amrum und den Halligen sowie über das Prinzip von Ebbe und Flut. Dabei entstehen viele Gespräche, berichtet Thiessen, der gern unauffällig zuhört und den Unterhaltungen über sein Werk lauscht.
Die Inseln und Halligen bestehen aus grünlichem Granit aus Namibia, der an das Grün der Marschen erinnern soll. Die Wellen dazwischen sind aus Hessisch Diabas, einem vulkanischen Gestein, das Thiessen gern verwendet, um Wasser darzustellen. Die Wellen wurden zusätzlich poliert, um Lichtreflexionen zu erzeugen und auch im trockenen Zustand Wasser zu suggerieren.
Mit dem Gezeitenbrunnen verbunden sind die sogenannten Durchblicke auf der Promenade. Sie bilden die Gegenstücke zu den Inseln Föhr und Amrum sowie zu den Halligen Oland und Langeneß. Wie Bilderrahmen heben sie den stetigen Wechsel von Wetter und Gezeiten hervor und machen den Blick auf das Wattenmeer, der nie gleich ist, zu einem perfekten Fotomotiv. Blickt man durch die Umrisse von Oland, Langeneß oder Amrum, erblickt man jeweils das entsprechende „Ebenbild“.
Sowohl der Gezeitenbrunnen am Ende der Mittelstraße als auch die Durchblicke auf der Promenade erfordern genaues Hinsehen und die Bereitschaft, sich auf sie einzulassen. Erst dann erschließen sich die Komplexität und Schönheit der einzelnen Werke. Markus Thiessen möchte mit seinen Arbeiten vor allem Freude bereiten – sich selbst ebenso wie anderen – und positive Signale senden.



